Ulrike Mohr
In Form eines langen Streifens, Cluster, Berlin, 2008
Zeichenkohle, Wasser, Straßenholzsammlung
In Form eines langen Streifens, Cluster, Berlin, 2008
Zeichenkohle (Detailansicht)
Welt-Kataster, 2010, Junge Kunst Wolfsburg, 2010
Geschliffene Holzkohle, Zeichenpapier (Detailansicht)
Foto: Nadin Decker
Gemeinschaftswasser, Kunstraum Kreuzberg, Berlin 2010
Gemeinschaftswasser, Aquarien, Glasplatten, Klebefolie
Foto: Jochen Haehnel
Gemeinschaftswasser, Kunstraum Kreuzberg, Berlin 2010
Gemeinschaftswasser, Aquarien, Glasplatten, Klebefolie (Detailansicht)
Foto: Jochen Haehnel
Aktion Restgrün, Palast der Republik, Berlin 2006
Am 4. April 2006 wurden die Rückbauarbeiten für einen Tag gestoppt und alle wild gewachsenen Bäume botanisch bestimmt, etikettiert und ausgegraben / fünf Pflanzengemeinschaften aus Schwarzpappel, Weide und Birke
Foto: Petra Spielhagen
Neue Nachbarn, Skulpturenpark Berlin_Zentrum, Berlin 2008 (Dokumentationsaufbau)
„Restgrün“ Palastbäume, Botanische Beschilderung, Palastbaummarken, Faltplan
Perspektive ist eine Sache des Standortes – und dieser spielt eine nicht unerhebliche Rolle in der
Arbeit von Ulrike Mohr. Indem sie gewohnte Perspektiven und Dimensionen verschiebt, werden neue
Blickwinkel auf unseren urban geprägten Lebensraum freigelegt. Ulrike Mohr bedient sich dabei
wissenschaftlicher Methoden, ohne diese jedoch auszustellen. Meist ist ihr Arbeitsmaterial
unweigerlich mit dem ihrer Arbeit zugedachten Ort verbunden, wird aus diesem generiert oder führt in
einer Kette assoziativer Verknüpfungen wieder zu ihm zurück.
Für den im Berliner Bezirk Wedding gelegenen Projektraum Cluster, der sich durch einen auffallend
schmalen, langgezogenen Grundriss auszeichnete, entstand die Arbeit In Form eines langen Streifens (2008). Auch diese ging von den elementaren Grundgegebenheiten des Ortes aus, indem sie das
Motiv des „Streifens“ zunächst formal, dann methodisch aufgriff. Am Anfang dieses Prozesses stand
handelsübliche Holzkohle, wie sie im Künstlerbedarf zum Zeichnen erhältlich ist. Diese edle
„Naturkohle“ wird – im Gegensatz zu Kohlestiften aus gepresstem Kohlestaub – aus feinen Zweigen
möglichst gerade gewachsener englischer Weide hergestellt, welche säuberlich zugeschnitten und zu
Bündeln in Ton eingeschlossen in speziellen Öfen langsam gebacken werden, um schließlich in
genormter Länge und Dicke als Zeichenwerkzeug verkauft zu werden. Ulrike Mohr erwarb einen
ganzen Ladenbestand dieser Zeichenkohle in allen erhältlichen Stärken. Doch zeichnete sie damit
nicht im herkömmlichen Sinne, indem sie die Stifte abnutzte und den feinen Kohlestaub auf Papier
abrieb, sondern setzte sie, Astfragment an Astfragment, zu einer fragilen, sich verjüngenden Linie
zusammen, die sich, den Eigenheiten des Materials entsprechend, grazil geschwungen und scheinbar
frei schwebend über zwei Wandlängen erstreckte. Ein gekokelter Ast, wie in einem Stück gewachsen
und doch montiert; ein feiner Strich, wie frei von Hand gezeichnet und doch in seiner eigentlichen
Funktion „unberührtes“ Zeichenmaterial. Die Beschäftigung mit dem Material Holzkohle führte
letztendlich zu dem Entschluss, es selbst mit der Herstellung zu versuchen. Es begann eine intensive
Recherche über den Prozess des Köhlerns und die Geschichte des Köhlerhandwerks. Nach Anleitung
baute Mohr einen einfachen Kohlebrennofen, und auf ihren Streifzügen durch Berlins Wedding
sammelte sie auf den Straßen liegendes Holz, um damit „Weddinger Zeichenkohle“ herzustellen. Das
für den Köhlerprozess zum Ablöschen benötigte Wasser kam aus einem im Keller des Gebäudes der
Osramhöfe entdeckten Brunnen. Der Herstellungsprozess wurde neben der Wandarbeit aus der im
Künstlerbedarf gekauften Naturzeichenkohle im Ausstellungsraum sichtbar gemacht – der Ofen, das
zu Kohle gebrannte Geäst und das zum Löschen benutzte Wasser, welches malerische Pfützen auf
dem Boden hinterließ. Je nach Blickwinkel konnte man darin eine Seenlandschaft erkennen, wobei
der Strich an der Wand zur zeichnerischen Horizontlinie wurde – eine Bergkette wie aus einer
japanischen Tuschezeichnung. Mit dem durch den Prozess des Köhlerns als Rückstand entstandenen
Teer wurden wiederum feine Risse auf dem Weddinger Asphalt gefüllt.
Künstliches und Natürliches, Spielerisches und Wissenschaftliches bilden immer wieder Antipoden in
Ulrike Mohrs Arbeit. Langwierige Recherche, minuziöse Berechnungen und weitflächige geografische
Landvermessungen führen zu äußerst minimalistischen, in ihrer Entropie teilweise fast absurd
anmutenden Ergebnissen oder Eingriffen, deren gigantische räumliche Dimension sich oft eher in der
Vorstellung als visuell vervollständigen lässt. Wie in der Process Art und der Land Art geht es dabei
sowohl um eine mathematisch abstrahierte Vorstellung von Natur, Landschaft und Stadtraum als auch
um die reale, physische Erfahrbarkeit ihrer Dimensionen oder Deformationen.
Ob sie die gesamte Baumkrone eines Baumes Blatt für Blatt mit Nadel und Faden vernäht und diese
somit am herbstlichen Abfallen hindert (Versuchsanordung acer platanoides, 2002), wild gewachsene
Jungkiefern auf dem Paradeplatz eines ehemaligen russischen Militärgeländes verpflanzt und streng
nach Größe angeordnet in militärischer Formation „gerade stehen“ lässt (750 Kiefern in militärischer
Anordnung, 2003), mithilfe von Landschaftsgärtnern eine Gruppe von auf dem Dach des mittlerweile
abgerissenen Palastes der Republik heimlich in Asphaltritzen gewachsener Bäumchen in selber
Anordnung auf ein innerstädtisches Brachland umsiedelt (Neue Nachbarn, 2008) oder den
Münsterländer Landkreis Hörstel durch (unter anderem an Bäumen angebrachte) Höhenmeter in
seiner ganzen virtuellen Höhe erfahrbar macht (Kreis Vermessung, 2009) – immer wieder tauchen im
Prozess des Durchwanderns und Vermessens Bäume in der Arbeit von Ulrike Mohr auf. So auch in
einer neueren, für den Raum für Junge Kunst in der Autostadt Wolfsburg konzipierten Arbeit Welt-
Kataster (2010), die sich ebenfalls mit dem Aggregatzustand des zu Kohle verarbeiteten Holzes
auseinandersetzt und im Zuge der Beschäftigung mit Köhlerei aus der Berliner Arbeit resultiert. Durch
ihre Recherche stieß Ulrike Mohr auf eine jüngste wissenschaftliche Studie, der zufolge der globale
CO2-Ausstoß durch das Vergraben biologisch in Mikrowellen erzeugter Holzkohle ausgeglichen bzw.
reduziert werden könnte. Wie viel „Biokohle“ (biochar) dazu vergraben, wie viele Bäume geköhlert und
wie viel Hektar Land dafür benötigt würden – dies sind bis dato noch ungeklärte Fragen, die die
Wissenschaft wohl noch eine Weile beschäftigen werden. Welt-Kataster – eine aus Holzkohleklötzen
montierte Erdkarte – ist ein Miniaturmodell, welches in seiner geometrischen Anordnung an den
Grundriss der „modernen Stadt“ erinnert und in dem physische Prozesse und globale Beziehungen in
einen ästhetisch-formalen Bezug zueinander gesetzt werden. Gleichzeitig erinnert die Anordnung der
Würfel und Kuben an die reduzierte Formensprache der Minimal Art – dies jedoch nicht ohne die
nötige ironische Distanz.
Formale Bezüge zur Minimal Art lassen sich auch in der für die Gruppenausstellung Derridas Katze ...
que donc je suis (à suivre) entstandenen Arbeit Gemeinschaftswasser (2010) erkennen: Insgesamt 50
in Größe und Form identische kubische Aquarien, auf unterschiedlicher Höhe in Konstellationen zu
jeweils 2x5 angeordnet, wurden mit Wasserproben aus 50 Gewässern innerhalb der Berliner
Stadtgrenzen gefüllt – entnommen aus Tümpeln und Badeseen, aber auch aus Spree und
Landwehrkanal. Der Titel Gemeinschaftswasser greift spielerisch den Gedanken des kollektiven
Besitzes von etwas auf, das „Allgemeingut“ sein sollte – sowie den Kreislauf seiner gemeinschaftlichen
Nutzung. Ob die unterschiedliche Trübung des Wassers von nahezu klar über verschiedenste
Tönungen von Grün und Braun letztendlich etwas über die eigentliche Qualität des Wassers aussagt,
wird nicht mitgeteilt. Vielmehr entsteht durch die streng geometrische Anordnung der Wasserproben
und die Spiegelung der rechtwinkligen Aquarienkanten ein verführerisches optisches Farbspiel, das
bei einfallendem Tageslicht an den Effekt von geschliffenem Kristall erinnert – ebenso wie an die
endlos fortsetzbaren Gitterstrukturen Sol LeWitts. Durch eine am Gefäß angebrachte Umrisszeichnung
des jeweiligen Gewässers sowie Nummerierung und eine dazugehörige Karte kann jede Wasserprobe
ihrem konkreten Ursprungsort zugeordnet werden. Was sich ansonsten in der trüben Tiefe der Gewässer
unserem Blick entzieht, wird durch Mohrs „domestizierte“ Präsentation in transparenten kubischen
Gefäßen wie in einem Foucault’schen Panoptikum von allen Seiten einsichtig sichtbar gemacht.
Doch bleibt es dem Betrachter selbst überlassen, was er oder sie mit dieser Information anfängt –
anstatt uns aufzuklären, will die Arbeit durch ihre vordergründige Sinnlichkeit zum Weiterdenken
anregen.
Auf dem (Um-)Weg einer formalen Beschäftigung mit Materie und ihrer spezifischen Eigenheiten führt
auch die an sich minimalistische „Wandzeichnung“ aus aneinandergereihter Zeichenkohle zu
globalen Fragen des Klimawandels, seiner mutmaßlichen Ursache – dem Ausstoß von CO2 – und
möglichen Konsequenzen.
Die Arbeit von Ulrike Mohr hat in ihrer Beschäftigung mit den Elementen, mit Bäumen, Geographie
und Naturphänomenen nichts mit belehrend-idealistischer oder „ökologisch korrekter“ Kunst noch mit
romantischer Naturverklärung zu tun. Natur ist für Ulrike Mohr immer auch kultivierter, ja domestizierter
Raum. Ein experimenteller Raum, der vermessbar, formbar und veränderbar ist und in dem formale
Aspekte gleichwertig wie ökologische, ökonomische, kulturelle oder politische verhandelt werden.
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1970 geboren in Tuttlingen, lebt und arbeitet in Berlin
1997-2003
Studium Bildhauerei / Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee
und Academy of Fine Arts Trondheim, Norwegen
2004
Meisterschülerin, Kunsthochschule Berlin-Weißensee
2010
SAIR, Artist in Residence, Dänemark
Stipendium Künstlerdorf Schöppingen, Kunststiftung NRW
2009
Arbeitsstipendium, Stiftung Kunstfonds
2007
Istanbul Stipendium des Berliner Senatsverwaltung für Kultur
2005
NaFöG, Nachwuchsförderung des Landes Berlin
Goldrausch art IT, Berlin
2010
„Signalkugel“, Kunst im öffentlichen Raum, permanente Installation, May-Ayim Ufer, Berlin-Kreuzberg
2008
„In Form eines langen Streifens“, Cluster, Berlin
2007
„Definitionen“, Kunstverein Hildesheim,
2010
„Schwarz und Weiß“, Galerie Zink, München
„L´unico / the only One“, Trieste Contemporanea, Triest, Italien
„Derridas Katze... que donc je suis (à suivre)“, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin
„Wälderwärts“, Junge Kunst Wolfsburg e.V., Wolfsburg
2009
„Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin von Karin Sander“, Temporäre Kunsthalle, Berlin
„Niemand mehr dort, wo er hinwollte“, Palazzo Stelline, Goethe-Institut Mailand, Italien
„Berlin | Istanbul“, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin, und BM/SUMA Contemporary Art Center, Istanbul, Türkei
„urgent urban ambulance“, Projektraum Deutscher Künstlerbund, Berlin
„Normalzustand“, Pilotprojekt Auwiesen, Festival der Regionen, Linz, Österreich
2008
„When things cast no shadow“, 5. berlin biennale für zeitgenössische Kunst
„Natural Relations“, Galerie Skuc, Ljubljana, Slowenien
„Here, there and anywhere“, copyright projektbüro, Berlin
„Spekulationen“, Ausstellungsreihe Skulpturenpark Berlin_Zentrum, Berlin
2007
„Achtung Sprengarbeiten“, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, NGBK, Berlin
„Capital“, Lund 2014, Lund, Schweden
„TransRobota“, Gallery of Contemporary Art of the National Museum, Stettin, Polen
2010
„RestNaturen“, Symposion des Forum der Muthesius Kunsthochschule, Kunsthalle zu Kiel
„Lost Panorama“, The Velaslavasay Panorama, Los Angeles (mit Susanne Weck)
2009
„Landscape and memory“, UCL Urban Laboratory, London
2006
„Restgrün“, Palast der Republik, Berlin
2004 – 2005
„Maßnahme am Normalnull Berlins: Eine Rechenaufgabe mit offenem Ende“, Berlin (mit Katinka Bock)
2003
„750 Kiefern in militärischer Anordnung“, Konversionsgelände Wünsdorf, Brandenburg
"Wälderwärts", Ausstellungskatalog Junge Kunst Wolfsburg e.V., Textbeiträge von Mathew Gandy und Susanne Köhler, Wolfsburg 2010
„Ulrike Mohr“, in: "When things cast no shadow", Katalog der 5. Berlin biennale, Kuratoren: Adam Szymczyk und Elena Filipovic, jrp-ringier Verlag, Zürich 2008
„Definitionen“, Ausstellungskatalog Kunstverein Hildesheim, Textbeiträge von Elke Falat, Sabine Mila Kunz und Harry Walter, Kerber Verlag / edition young art, Bielefeld 2007
"In Form eines langen Streifens"
"New Order"
"Existence in a letter"